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Freitag, den 18. Mai 201207:14 Uhr

Einer Gesellschaft den (Außen-)Spiegel vorgehalten

13.05.2008, Beitrag von

Stetige Veränderungen drücken einer sich wandelnden Gesellschaft immer wieder den Stempel auf. Jede Dekade hat in dieser schnelllebigen Welt ihren eigenen. Positiv wie negativ.

Als ich 1981 nach Oldenburg kam, habe ich sofort den Schlossgarten als eine Oase der Ruhe und Beschaulichkeit entdeckt. Heute als Fotograf weiß ich ihn umso mehr zu schätzen für seine vielen Motive.

Und ich empfand den Garten immer etwas zu sehr gepflegt. Ja ehrlich! Oft wird das Herbstlaub für mein Verständnis zu früh entfernt. Noch bevor es seinen typischen aromatischen Modergeruch entfalten kann oder ich genug Motive davon einfangen konnte. Oftmals wird der Rasen zu schnell gemäht, um dann wie Kunstrasen zu wirken.

Aber das ist Konzept. Ich beuge mich dem, ungern.

Zu den ehemals vier Jahreszeiten scheint eine fünfte hinzugekommen zu sein. Die Zeit der abendlichen Vereinnahmung durch die Partypeople. 

Seit etlichen Jahren hat sich die Szenerie im Sommer ganz gewaltig geändert. Die Jugendszene hat den Garten mehr den je in den Abendstunden für sich in Beschlag genommen. Wäre natürlich eigentlich wünschenswert, wenn man dort friedlich über jede sprachliche Grenze hinweg in die Nacht hinein chillt. Relaxt und von der Szenerie mit den vielen alten Bäumen angetan.

Eine Kommune kann sich gar nichts Besseres wünschen, als dass die Menschen gerade die Grünflächen intensiv nutzen, um Integration und Austausch von Kultur zu intensivieren, statt einsam vor der Playstation dahinzudaddeln. Gerade angemessen für eine Universitätsstadt.

Die Menschen dort im Schlossgarten scheinen das auch soweit umzusetzen.

Also, alles in Butter?

Nein!

Jeden Morgen danach sind die Flächen, die abends zuvor weidlich genutzt wurden, eine einzige große Müllhalde. Die absolute Mehrzahl der Nutzer hat nicht mehr den Hauch von Verständnis für einen Garten, der für die Allgemeinheit von großem Nutzen ist.

Waren es bisher direkte Gartenanwohner, die sich der Natur zwar erfreuten, aber gleichzeitig und scheinheilig ihre Hunde und Hündchen jeden Tag zum Abkacken in die so praktische Nähe für das edle und weniger edle Viehzeugs nutzten, sind es heute die jugendlichen Partypeople, die Unmengen von Müll dazu packen.

Ohne zu wissen, dass sie sich hin und wieder in den Hinterlassenschaften der Edelköter wälzen, haben sie keine Probleme, ihre Sechserpacks Billigbier leergetrunken liegen zu lassen. Da geht die eine oder andere Flasche halt auch mal zu Bruch. Tags darauf laufen Familien mit Kindern unvermittelt barfuss durch die Scherben. Im Zweifelsfall dieselben, die sich da abends die Kante gegeben hatten?

Einige schrecken nicht einmal davor zurück, ihre Lagerfeuer mangels Altholz mit allerlei Plastik- und Papiermüll und Pizzakartons zu füttern. Kreisrunde mit Plastikschmelze versehene Löcher im Rasen zeugen von solch widersinniger Feuer- und Feierlaune.

Es ist die Veränderung der Menschen, die dieses ohne Reue anrichten, die mir zu denken gibt. Ich war nie das, was man einen Spießer nennt. Meine Biographie ist sicher nicht mit denen zu vergleichen, die so rund um den Garten in den Villen wohnen können, aber ich würde niemals soweit sinken, einen Garten gedankenlos oder gar vorsätzlich zu verwüsten. Nicht einer derjenigen, die das anrichten, wird sich seiner Schuld NICHT bewusst sein. Vielmehr nehmen sie sich diese Zerstörung heraus, in dem Wissen, dass andere diese Müllhalde ganz sicher beseitigen müssen. Und sie sagen das sogar, weigern sich, ihr Verhalten zu verändern.

Der Gesellschaft wird der Spiegel vorgehalten. An Veränderungen wie dieser erkennt man die falsche Richtung im Denken. Die Partygeneration, wie sie sich so oberflächlich in den TV-Sendern präsentieren darf, ist in der beschaulichen Provinz angekommen. Flächendeckend.

Und sie ist beileibe nicht auf Unterschichten begrenzt. Selbst Menschen mit hoher Bildung beteiligen sich an dieser Demontage des Allgemeinguts. Soll sich ja keiner ausnehmen, Studenten sind daran genau so beteiligt, wie freiwillig bildungsresistente Leute.

Und das ist das Erschreckende, dass nirgends, nicht einmal durch universelle Bildung, eine Gegenbewegung sichtbar wird.

Es driftet und driftet immer weiter in die falsche Richtung. Noch mehr Beispiele gefällig… Geht doch mal zu Abifeten auf den Rathausmarkt, zu den Maifeiern, oder parkt einfach nur Autos MIT Außenspiegeln am Straßenrand!

Und versucht dann mal morgens der Gesellschaft den (Außen-)Spiegel vorzuhalten. Wenn ihr ihn findet…

Aktualisiert am 13. Mai 2008

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2 Kommentare zu “Einer Gesellschaft den (Außen-)Spiegel vorgehalten”

  1. 1 Pobatschnig Karl - 14. Mai 2008 um 07:44 Uhr

    @OLDigitalEye,
    > Und versucht dann mal Morgens der Gesellschaft den (Außen)Spiegel vorzuhalten.
    ich würde zur Zurückhaltung raten. Denken Sie dabei immer an den Rentner in München, der ja beileibe nicht der einzige war. Solange Verständnispolitiker und -pädagogen nebst ihren Hilfstruppen in Justiz und Medien das Sagen haben, dürfte sich an diesen Zuständen nichts ändern.
    Es scheint aber kein OL-spezifisches Problem zu sein: http://tinyurl.com/3zp74f
    Pobatschnig K.

  2. 2 Maisonne - 14. Mai 2008 um 10:00 Uhr

    Ich bin zwar nicht so oft im Schlossgarten, aber ich kann dieser müllend-feiernden Gesellschaft auch nicht so viel abgewinnen. Zweifelsohne hast du Recht, OLDigitalEye, dass irgendwie der bewusste Umgang mit so einem Kleinod mitten in der Stadt verloren gegangen ist. Aber nicht nur dort…
    Begibt man sich mal mit dem Fahrrad oder zu Fuß in die schöne Natur rund um Oldenburg, entdeckt man hier nicht nur Müll wie Altglas o. Feuerstellen, sondern ganze Wohnungseinrichtungen, Rasenschnitt, Waschmaschinen u.ä. Ich frage mich schon die ganze Zeit, wie es sein kann, dass jemand komplette Schränke einfach so in Wald und Wiese “aussetzt”. Die werden ja nicht mal eben mit dem Fahrrad dahin gebracht, sondern im Auto resp. sogar mit dem Anhänger. Da könnte ein anderes Ziel doch eigentlich angebrachter sein (Mülldeponie…?).
    Und zur Vermüllung des Schlossgartens: Schau dich mal des Abends am Bornhorster See um. Da findest du nicht nur Partygelage mit Bierflaschen und Lagerfeuern, sondern eine echte Drogenszene, die sich dort unbehelligt auslebt und vorübergehenden Passanten nicht gerade angenehm macht, weil man “in ihr Revier” eingedrungen ist…

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